Die Schriften der Welt zuhause in Glückstadt
Der Produzent Christian Bau dreht einen Film über Jimmy Ernst (1920 - 1984), der von 1935 bis 1938 in Glückstadt bei Augustin eine Schriftsetzerlehre gemacht hat. Jimmy, der Sohn des bekannten Malers Max Ernst (1891- 1976) und der Kunsthistorikerin Louise Straus-Ernst (1893 - 1944 in Auschwitz), die als Jüdin 1933 aus Deutschland nach Paris floh, bleibt im Alter von 13 Jahren bei seinen Großeltern in Köln zurück. Als Halbjude hat er Schwierigkeiten, eine Lehrstelle zu finden, aber Heinrich-Wilhelm Augustin (1878 - 1938) in Glückstadt gewährt ihm Schutz und Ausbildung in seiner Setzerei. Als es Jimmy 1938 gelingt, nach Amerika zu fliehen, arbeitet er dort anfänglich bei der New Yorker Zweigstelle von Augustin. Der Drehort des Films ist das Firmengebäude der 377jährigen Firma Augustin J. J. Druckerei GmbH, das aus den Gründungsjahren der Stadt stammt und noch viele über 100jährige Geräte zum Gießen, Setzen und Drucken von hauptsächlich nichtlateinischen Drucksachen beherbergt. Heinrich-Wilhelm Augustin ist es zu verdanken, dass die Druckerei seit 1912 »technischer Helfer der Sprachwissenschaftler« wurde. Über 100 Fremdsprachen u. a. Arabisch, Syrisch, Persisch, Malaiisch, Tibetisch, sogar Hieroglyphen und Indianersprachen wurden von Augustin angeboten. Schriftsetzermeister Artur Dieckhoff hat eigens Chinesisch gelernt und mit einem Sinologen zusammen eine Methode entwickelt, rationell 18.000 Schriftzeichen Chinesisch zu setzen, den sogenannten »Chinesischen Zirkel«.

Es ist dem heutigen Inhaber Walter Prueß zu verdanken, dass die Druckerei in dieser historischen Form erhalten blieb. Der Film, der den Arbeitstitel »Zwiebelfisch« trägt, soll Ende des Jahres auf DVD angeboten werden. Das Begleitheft enthält Abschnitte aus Jimmys Autobiogafie. Natürlich gesetzt in Blei bei Augustin.

Der »Chinesische Zirkel«, der noch heute in der Druckerei J. J. Augustin steht, ist etwas ganz Besonderes. 18.000 Schriftzeichen sind dort in den Setzkästen untergebracht. Fotos: Michael Ruff